Vorüberlegungen zu einem Umstieg von Windows auf Linux

Letzte Woche habe ich einen Etappensieg für FLOSS gewonnen, an dem ich euch teilhaben lassen möchte. Meine Mutter ist Zeit ihres Lebens Windows-Nutzerin gewesen, weil sie natürlich einerseits nie einen Computer ohne vorinstalliertes Betriebssystem gekauft hat, andererseits beruflich immer Windows-betriebene Computer eingesetzt hat. Logisch, dass da von selbst kein Umdenken entstehen konnte.

Wie es aber so ist, wenn man technikinteressierte Kinder hat, kann es schon mal vorkommen, dass die Diskussion über das verwendete OS geführt wird. Besonders, wenn der Support-Zeitraum von XP abläuft und ein Teil der Rechner in besagtem Haushalt noch mit diesem alten System ausgestattet sind. Ich konnte meiner Mutter klarmachen, dass sie ab April Windows XP nicht mehr nutzen möchte (dank der Whatsapp-Diskussion ist ja Sicherheit im Moment ein ziemlich schlagendes Argument) und ihr die Vorzüge eines Linux-OS schmackhaft machen.

Um diesen Umstieg angemessen vornehmen zu können, gibt es einige Punkte zu beachten. Ich schreibe diesen Post in der Hoffnung, dass es auch andere außer mir gibt, die vielleicht Menschen in ihrem Bekanntenkreis mit Erfolg dazu bringen können, sich einen Umstieg auf Linux zu überlegen, und so bei ihrer Suche ein paar Anregungen bekommen können.

Heute bin ich auf ein paar Artikel (1, 2) gestoßen, die den Umstieg auf Ubuntuderivate vorschlagen. Da (X,K,L)Ubuntu erstens leicht zu pflegen ist (besonders, wenn man wenig Zeit hat) und zweitens durch eine große Auswahl an Paketen besticht, kommt ein leichtgewichtiges Derivat hier natürlich in die engere Auswahl.

Doch was ist überhaupt zu beachten bei einem solchen Umstieg?

  • Hardwareanforderungen: Es hat sicherlich einen Grund, dass dieses alte OS auf diesem alten Computer läuft. Nicht selten heißt dieser Grund alte Hardware. In einem solchen Fall sollten große Desktopumgebungen wie KDE und Gnome automatisch rausfallen, wenn man nicht noch Geld in Hardware stecken möchte. Schließlich soll der Umstieg auch günstig sein. Auch Hardware, die mit dem PC interagiert, ist wichtig: Der Computer soll mit einem Netzwerkdrucker umgehen können. Dieser muss also entsprechend eingerichtet werden.

  • Dem User bekannte/vom User verwendete Software: Meine Mutter nutzt die gängigen Büro-Anwendungen aus der MS-Welt: Word, Excel, Outlook. Daneben kommt Firefox (in einer höchstwahrscheinlich veralteten Version) zum Einsatz. Für die Anwendungen, die dem User täglich begegnen, sollte also die entsprechende Software verfügbar sein.

  • Zusammenarbeit mit proprietären Programmen: Im Fall meiner Mutter, die an dem Computer nicht nur private, sondern teils auch geschäftliche Dokumente bearbeitet, muss Datenaustausch möglichst reibungslos ablaufen. Hier ist sofort klar, welches Problem sich stellen wird: Freie Office-Anwendungen verwenden offene Dokumentstandards, die von MS-Anwendungen nicht immer (gut) unterstützt werden.

  • Suche nach Ähnlichkeit: Für viele ist der Startbutton unten links und die Uhr unten rechts. Und daran soll sich oft auch möglichst wenig ändern. Mit XFCE oder LXDE lässt sich das recht einfach umsetzen.

Dies ist eine Liste von Überlegungen, die vor dem eigentlichem Umstieg anzustellen sind. Nicht bei jedem wird jeder dieser Punkte von großer Relevanz sein, manches kann vollständig wegfallen. Wenn euch noch weitere Punkte einfallen, freue ich mich auf Kommentare. 😉

Weiter geht es mit der Überlegung, welche Software zum Einsatz kommen soll. Dazu schaue ich durch die Kategorien im Anwendungsmenü und überlege, was von den bei mir verwendeten Programmen gebraucht werden kann und was unnötig ist.

In unserem Fall wird der Computer hauptsächlich zum Arbeiten verwendet, Musik oder Videos werden an ihm nicht geguckt. Allerdings bekommt meine Mutter manchmal Videos per Email geschickt: Ein Player soll hier also vorhanden sein. Außerdem ist es nicht auszuschließen, dass doch einmal auch ein Lied abgespielt werden muss. Im Idealfall ist also eine einzelne, leichtgewichtige Anwendung verfügbar, die beides ermöglicht. Im Multimedia-Bereich wird sonst nichts benötigt, da der Computer nicht über ein Brenner-Laufwerk verfügt.

PDFs müssen betrachtet werden können, und zwar ohne potentielle Einschränkungen und umständliches „Öffnen mit“. Hierfür gefallen mir die Standardanwendungen (Evince, ePDFview) bei Ubuntu nicht so gut. Bei mir kommt qpdfview zum Einsatz, allerdings kann der mit einigen Adobe-Funktionen nicht umgehen. Gegebenenfalls muss hier ein Abstrich gemacht werden: Leichtgewichtig, aber mit diesen Funktionen zusammen zu finden, könnte schwierig werden. Ich arbeite noch daran 😉

Zum Schluss fällt mir für die Kategorie Office nur noch eine Anwendung zum Verwalten der Finanzen ein. Dafür kommt bei mir Homebank zum Einsatz und wird es wohl auch auf dem fraglichen PC tun.

Entwicklung wird gar nicht gebraucht, unter Graphik können wir einen einfachen, leichten Bildbetrachter wie Ristretto und ein leichtes Bildbearbeitungsprogramm installieren: mtpaint. Eine wirklich schön gemachte Übersicht über schlanke freie Programme findet sich beim Ubuntuusers-Wiki.

Bei Internet reicht ein schlanker Browser wie Midori und ein schlankes Mailprogramm, ein Chatclient könnte eingerichtet werden, falls mal eine Fernberatung ansteht. Hier wäre Pidgin genau richtig.

Spiele werden auf besagtem Computer gar nicht gebraucht, im Zweifel kann eine Suite installiert werden, die die Standard-Spiele auf einem Win XP-System imitiert.

Im Bereich „System“ und „Zubehör“ werfe ich jetzt alles über Bord, was zur Administration gebraucht wird. Darum kann ich mich ja via Terminal kümmern, wenn es sein muss. Meine Mutter braucht den Kram nicht und der PC spart Ressourcen, die für Dateien gebraucht werden können. Ganz wichtig ist mir jedoch ein automatisches Software-Update. Bei Ubuntu-Derivaten (außer Kubuntu) erledigt das der Software-Updater, allerdings denke ich darüber nach, das ganze Update per Script zu lösen. So bekommt meine Mutter von dem Prozess nichts mit, muss nichts klicken und kann nichts falsch machen.

Schließlich bleibt noch die Frage nach dem Unterbau. Ich tendiere stark zu (einem angepassten und noch mehr entschlackten) Xubuntu oder Lubuntu. Innerhalb der nächsten paar Tage will ich beides mal auf einen USB-Stick ziehen und auf besagtem Rechner live ausprobieren oder auf einem alten Notebook, das hier nur im Schrank rumstaubt, installieren und testen. Die Entscheidung muss von einfacher Bedienung, guter Optik und vor allem Schonung von Ressourcen geprägt sein. Hat gerade zum letzten Punkt noch jemand Tipps?

Nächstes Mal schreibe ich hier dann weiter zur konkreten Einrichtung und Installation!

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Über Luyin

Computational Linguist and Classicist.
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3 Antworten zu Vorüberlegungen zu einem Umstieg von Windows auf Linux

  1. Schnatterente schreibt:

    Ich denke für viele Windows-Nutzer ist sehr wichtig, dass alles einheitlich aussieht und sich auch einheitlich verhält – besonders was die Fenster angeht (Look and Feel, Shortcuts, …).

    Leider führt die Open-Source-Vielfalt (Gtk, Qt, …) hier manchmal dazu, dass man das mit Linux nicht gewährleisten kann.

    Ob etwas ein Vorteil oder ein Nachteil ist, liegt meist im Auge des Betrachters.

    Das Hauptproblem an der ganzen Thematik ist doch, dass unsere Gesellschaft so stark auf Microsoft geprägt ist. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier – wenn er sich einmal an etwas gewöhnt hat bleibt er auch dabei.

    Hätte Mutti erst Linux kennengelernt, fände sie wahrscheinlich Windows komisch.

    • luy1n schreibt:

      Hallo Schnatterente,

      da hast du natürlich recht, das könnte schon ein Problem sein. Gerade deswegen bietet sich imho ein Ubuntuderivat wie Xubuntu oder Lubuntu ganz gut an, denn diese bringen schon ein relativ einheitliches Look-and-Feel mit sich. Immer geht das natürlich nicht. Aber wie Mutti sagte: „Solange ich damit arbeiten kann, ist es mir egal, was unter der Haube passiert“ – umso einfacher für mich 🙂

      Viele Grüße,
      Alex

  2. Pingback: Teil 2: Umstieg von Win XP auf Xubuntu | Luy1ns Blog

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